Sonntag, 5. August 2012

Von Menschenkindern und ihren Nannys

Bild von der Open Clip Art Library (by JicJac)
In den 90er Jahren nahm ich das erste Mal die Debatte um eine Infantilisierung der Gesellschaft wahr. Das Schlagwort Spassgesellschaft klingt in meinen Ohren nach. Es wurde über kindische Ablehnung von Verantwortung gemeckert aber auch von einem Zugewinn an kindlicher Neugier die doch ganz erfrischend sei.

Etwa 20 Jahre später hat sich dieser damalige Trend in einen festen Teil unserer Realität verwandelt. Einerseits können Menschen heute noch mit grauen Haaren in sportlicher "Jugendkleidung" durch die Stadt schlurfen und sich nicht wie vergraute Kinder fühlen. Die 30er werden als die neuen 20er gefühlt und 40-Jährige werden grad erst "erwachsen".

Es wird sogar das Konzept des "Erwachsenen" als statisches Dasein nach Abschluss der Jugend mit Mitte 20 (Oder wann setzt man dies überhaupt an?) in Frage gestellt. Es fällt auf, dass manche Menschen sogar je nach Situation quasi ihren Aggregatszustand wechseln: Einerseits füllen sie ihre Rolle als verantwortungsvoller Teil einer Firma aus, in der Freizeit mutieren sie zu feiernden Kindern die herumklettern, bunte Partys feiern und im Bällebad abtauchen.

Diese Infantilisierung brachte jedoch die Nannys mit sich. Die immer rigider werdenden Regeln an manchen, meist niedrig bezahlten, Arbeitsplätzen ähneln Instruktionen denen man Kindern gibt damit sie "nichts Anstellen", weil man ihnen wenig eigene Verantwortung zutraut. Mündigkeit? Es scheint, dass das Benehmen wie ein Kind die Behandlung wie ein Kind nach sich zieht. Ohne die Betrachtung positiver Elemente der Kindlichkeit. Was Nanny verbietet ist "halt so". Keine Fragen, machen!

Genauso wird Verantwortung und damit das Gefühl für Rücksichtnahme nicht diskutiert wenn es um gesamtgesellschaftliche Themen wie den Nichtraucherschutz geht. Kaum ein Wort wird darüber verloren, dass man durch Bildung zur eigenen Verantwortung viel bewirken kann. Regeln sind simpler zu erlassen, einfacher einzutrichtern als komplizierte "erwachsene" Sachverhalte wie Rück- und Weitsicht.  Als ob Kinder nicht rücksichtsvoll und weitsichtiger denken könnten. Man muss denen einfach die Fragen beantworten die sie hoffentlich sehr oft stellen.

An dieser Stelle könnte man sich den Aluhut aufsetzen und behaupten, dass "die da oben" uns zu Kindern machen wollten weil sie uns dann auch erziehen und reglementieren können.Dies ist jedoch albern. Die Gesellschaft hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts viele Freiheiten erkämpft, die früher nicht selbstverständlich waren. Andererseits zieht ungezügeltes, neugieriges und ungestümes Verhalten die Nannys vom Risk Management an. Sie verbieten viel aber lehren wenig.  (Die Wandlungsfähigkeit zwischen den oben erwähnten "Aggregatszuständen" wird dann ganz bequem vergessen?!)
Wenn Menschen immer nur Reglen und Verbote von der Wiege bis zum Sterbebett kennen, können wir niemals die Dummheit abschaffen.

Ein Mensch ist im 21. Jahrhundert nun kein Wesen welches sich strikt chronologisch nach einer Altersuhr verhält. Es wandelt und wendet sich. Identitäten und Verhaltensweisen werden je nach Situation bewusst, meist sogar unbewusst, angepasst. Um diese Flexibilität zu ergründen und sie als Lebenstool weiter zu entwickeln müssen wir kindlich und neugierig sein. Ausprobieren und mal auf die Schnauze fallen. Davor bewahrt uns (hoffentlich) keine Nanny.


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