Mittwoch, 22. September 2010

Reflektion zu Flammen und Puscheln mit Zähnen

Dass die Piraten in ihren Kommunikationskanälen, wie diversen Mailinglisten etwa, nicht gerade die feinsten Töne anschlagen, das ist längst bekannt. Dies wird gerne kritisiert, bemängelt und für sehr schlecht bezüglich der Aussenwirkung befunden. Im Prinzip ist das auch gut und richtig.

Allerdings mache ich mir über Diskussionskulturen im weiteren Sinne Gedanken: Sehr oft gibt es Diskurse, Streitfälle und Zwischenfälle in diversen Umgebungen und Settings die von außen betrachtet gar nicht so schlimm aussehen wie sie in ihrem innern sind. Da wird vorne rum freundlich getan, Kompromissbereitschaft gezeigt, während Floskeln statt (er)klärender Worte ausgetauscht werden. Manchmal bringt das was und aus Floskeln werden veritable Aussagen aus einer gemeinsamen Überzeugung heraus. Doch meist werden Gefechte hinten rum ausgetragen, man muss angestrengt zwischen viele Zeilen lesen wie bei einem Arbeitszeugnis um des Pudels kern überhaupt erkennen zu können. Man muss ja die Höflichkeit bewahren. Wir sind doch keine Rabauken!

Dies finde ich ganz persönlich nicht gerade effizient. Es ist mir schlicht zu anstrengend hinter einer höflichen Fassade die Reisszähne zu deuten und mich dementsprechend wie ein Wolf im Schafspelz aufzuführen: Flauschig aber mit vielen Zähnen hinter den Puschlen.

Flamewars hingegen empfinde ich als meistens sehr ehrlich und direkt. Da werden zwar so manche Füße zertreten, jedoch weiss jeder gleich woran er ist. Die Fakten liegen auf dem Tisch und bei so manchem scheinbaren Troll habe ich dann durch eine klärende Diskussion nach dem erlöschen des Flammenwerfers dann auch zu einem konstruktiven Punkt gefunden. Beiderseitig versteht sich. Schließlich hat der vermeindliche Troll mich wohl auch an einem gewissen Punkt als einen Selbigen wahrgenommen. Na und? Everybody's Darling sein zu wollen führt meist in die Belanglosigkeit oder ins Verderben.

Ich denke das es wichtig ist, diese sehr offene und lebendige Streitkultur näher zu betrachten, anstatt sie zu kritisieren. Sie existiert ja ohnehin weiter. Es wäre vielmehr spannend diese vielmehr weiter zu kultivieren und ein wachsendes Augenmerk auf Rhetorik und Wortkunst zu setzen, soweit dies denn passt. Denn schimpfen kann man wunderbar im großen Stil. Der alte Onkel Cicero etwa, ist nicht umsonst immernoch Lehrstoff an den Schulen und Unis. Dieser alte, römische Flamer zündelte lieber höchst stilvoll mit Worten im Senat herum als wie es Nero angedichtet wird, die ganze Stadt anzufackeln. Cato der Ältere hatte sogar eine sehr römisch-trollige Verbalsignatur bei seinen Reden: "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam".

Daher möchte ich hiermit eine Lanze für das Flamen mit Stil brechen und jetzt gleich die Aktive abonnieren. Vielleicht ist ja noch immer was los dort. Echt jetzt, Quirites!

Denn wenn man weiter darüber nachdenkt, bringt Stil und Rhetorik in einem Flamewar dann Niveau in die Geschichte. Dan hirnt man, anstatt unreflektiert in die Tastatur zu kotzen. (Die Botschaft kann gut und richtig sein, das geschulte Flamewarauge erkennt dies auch, doch ist nicht jeder ein Kenner dieser Debattierkultur.) Doch mit einem guten Wortschatz und intelligenten Argumenten die gerne auch derbe sein können, macht man jedenfalls einen besseren Eindruck auf Außenstehende.

Achja, ich möchte hierbei auch noch betonen, dass es auf dem Mailinglisten durchaus schon so einige wortgewaltige Piraten gibt, die sicher nur darauf warten noch zu weiteren Höhen der getippten Verbalschlachten zu eilen. Schließlich bringt das Themen voran und ist zudem sportlich.


Das waren meine zwei sehr subjektiven Cent zu diesem Thema.

Kommentare:

  1. Man sieht, die Piraten werden (gaaanz langsam) erwachsen. Es wird krakeelt, und wer am lautesten schreit, findet die größte Beachtung. Wie in jeder anderen Partei auch. Nur alles öffentlich. Solange über das Streiten die Themen nicht vergessen werden, soll das ruhig zum Selbstfindungs- und Reifeprozess gehören.
    Gut, andere Parteien machen das nicht öffentlich. - Ja und? Wir wollen und dürfen keine Kopie sein, sonst sind wir ganz schnell weg vom Fenster. Und so kann auch keiner, der sich für uns interessiert, sagen, er hätte nichts gewußt.
    Nicht prügeln. Ansonsten: weitermachen. Und bis zum nächsten Wahlkampf ein wenig mehr Reife erlangen. Wird schon.

    AntwortenLöschen
  2. Zum Verständnis dürften diese Links beitragen:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Marshall_B._Rosenberg

    http://de.wikipedia.org/wiki/Marshall_McLuhan

    Und ja, mea culpa, ich bin selbst in Diskussionen viel zu oft aggressiv. Also: guck ned so, halt's Maul und geh weiter ;)

    AntwortenLöschen