Sonntag, 19. September 2010

Konservative Barbies: Jetzt auch in Deutschland

Spätestens seit Sarah Palin ist das Phänomen der Moralbarbie außerhalb der US-Spähren bekannter geworden: Das Prinzip ist einfach. Eine recht gut aussehende Dame aus der rechten Ecke, gestylt wie eine Barbie oder etwas zugeknöpfte Pinupdiva, schmeißt sich für konservatives Gedankengut ins Rampenlicht.

Die Wirkung einer solchen Barbie ist natürlich in den USA zum Beispiel, sehr profund. Da steht eine Frau, top gestylt und auch etwas sexy auf dem Podest und gibt reaktionäre Botschaften von sich. Sex sells the rechte Botschaft. Vor allem in der Politik eines Landes in der die Oberfläche mehr zählt als das Innenleben. Wer gut aussieht, muss wohl recht haben. Dies ist die traurige Realität. Das dieses Prinzip natürlich instrumentalisiert wird, daran braucht man gar nicht erst zu zweifeln.

Da sich Deutschland auch immer mehr in diese Richtung orientiert und langsam US-Verhältnisse dem Alltag entsprechen, mussten wir nicht lange auf eine solche, blonde, manikürte Erscheinung warten: Die Gattin unseres werten Verteidigungsministern füllt vorzüglich diesen Posten aus. Sie ist adelig, sehr blond, sehr modisch und setzt sich für die lieben Kinder ein. So wie es sich gehört. Ihre Schirmherrschaft für den deutschen Zweig von "Innocence in Danger" sticht vor allem den Menschen ins Auge, die sich für die Netzpolitik interessieren. Hinter der schönen, blonden Fassade der kinderlieben Dame verbirgt sich ein Instrument der Verharmlosung und Rechtfertigung für Netzsperren. Was Zensursula ob ihrer doch herberen Art nicht durchzusetzen vermochte, versucht nun die jüngere, hübschere Konservative abseits des direkten politischen Parketts zu bewerkstelligen. Als Gattin eines Ministers ist dies sehr schön mit der Arbeit des Ehemannes zu verbinden. Die Aufmerksamkeit ist per se schon da, denn als Teil eines Glamourpaars kann man natürlich schnell im Rampenlicht mal ein paar Engagements für populäre Anliegen (Kinderschutz) schön in der Presse verbreiten. Geschluckt wird es. Gerne. Nur das kleine gallische Dorf namens Netzgemeinde hat das Spiel durchschaut und versucht die schöne Fassade von der Absicht zu trennen, denn Kinderschutz ist auch in diesen Spähren eine Selbstverständlichkeit. Aber dann richtig, ohne durch Sprerrlisten ganze Telefonbücher für Fans des abartigen Content zu generieren und Bürger in ihrer Informationsfreiheit zu beschneiden. Doch ist die nachhaltige, korrekte Lösung nicht immer die beliebteste für gewisse Gruppen.

Das Prinzip "Löschen statt sperren" ist dennoch dank vieler harter Bemühungen relativ weit gekommen, Seiten mit dokumentiertem Kindesmissbrauch konnten erfolgreich in den letzten Monaten gelöscht werden.

Doch reicht dies anscheinend nicht. Kenner wissen Bescheid, dass die Contentindustrie etwa, die ganze Kinderpornodebatte sehr erquicklich finden, denn Netzsprerren welche für einen so moralisch hochwertigen Grund errichtet werden, können dann folglich auch für ihre Zwecke sehr schön von Nutzen sein.

Daher sind Moralbarbies unerlässlich. Ihr blondes, Hoffnung implizierendes Äußeres, hilft einfach ungemein um in der Regenbogenpresse etwa, unbedarfte Menschen für ihre Zwecke zu gewinnen. Wer so hübsch ist, so engagiert sich für die Kinder einsetzt und auch noch adelig ist, der kann doch nur gut sein.



Vielleicht brauchen wir einfach eine Horde Piratenbarbies? Blonde Damen, die für Bürgerrechte, eine Nachhaltige Netzpoltik und sämtliche anderen piratigen Ziele ihre gestylten Gesichter in die Kamera halten und mundgerecht zerteilte Botschaften unter das Volk bringt. Interessant wäre das allemal.

Kommentare:

  1. Endlich denkt hier mal jemand an die Kinder, die, wenn erwachsen, sicherlich kein zugenageltes (höhö) Internet wollen. Nice job!

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  2. Ich bezweifle, dass sich gutes Aussehen im deutschsprachigen Raum politisch stark instrumentalisieren lässt. Und das ist auch gut so.

    Übrigens: gutaussehende Politikerinnen gibt es auch links. Zum Beispiel Pascale Bruderer, Präsidentin des Nationalrats in der Schweiz.

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  3. "Das Volk?" Wer genau außerhalb der Netzgemeinde?

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  4. Das geht in die gleiche sexistische Richtung wie der Welt-Beitrag. "Guttenberg mag Lady Gaga nicht, hat aber einen Ausschnitt. Wie Bigott!"
    Guttenberg ihr Aussehen vorzuwerfen ist völlig sinnlos, die Message wäre genauso zu bewerten wenn sie aus einem Kartoffelsack vorgetragen würde.

    Der Kritikpunkt an Innocence in Danger, dass es sich nur um Adelige handelt, geht genauso vorbei…

    Und gerade in Deutschland kann man der Politik keine übermäßige Sexyness vorwerfen. Erinnert euch doch daran, wie schnell Witze über Merkels Klamotten vorbei waren. Und außer ihren rechten Fans diskutiert auch niemand in den USA wirklich über Palins Boob-Job-Gerüchte.

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