Mittwoch, 19. Mai 2010

Es gibt noch was zu tun!

Nachdem auf dem Bundesparteitag wieder die Genderdebatte, dank der Eierstöcke of Steel von Leena Simon wieder aufgekocht ist, habe ich mir einige Gedanken zum Thema gemacht. Hierbei gehen diese weit über Mann/Frau hinaus. Innerhalb der Piratenpartei sehe ich immernoch den Konsens, dass Geschlecht, Alter, Herkunft und sonstige Einordnungsmöglichkeit weitestgehend bezüglich der Parteiarbeit egal sind. Allerdings gibt es ausserhalb der orangenen Sphäre einiges an Unnanehmlichkeiten, die sicherlich noch diskutiert und geändert werden sollten. Sei es in Altherrenclubs von diversen Chefetagen (die nicht nur aufgrund von Geschlecht ihre Türen undurchlässig halten), Verwaltungsfails, weltanschaulige Garstigkeiten und so weiter und so fort. Aber dies bezieht sich nicht lediglich auf die beiden vermeindlichen Pole "Mann" und "Frau".

Da ich diesen Eintrag nicht zu überfrachten gedenke, beschäftige ich mich hier mal mit einer der vielen Spitzen eines noch existenten Eisberges. Die Werbung. Da ich primär online unterwegs bin, greife ich mir auch die Online- und Technikrelevante Werbung heraus.

In dieser bunten Bilderwelt bekomme ich zuweil gelangweilte Bauchzuckungen. Gerade deutsche Werbebilder sind aufdringlich bis nervig. Als Engländerin kenne ich die sehr phantasievolle und humorvolle Werbung von der Insel. Hier werden wie hier dieselben Trigger wie Sex, Macht und Schönheit verwendet, jedoch meist mit mehr Augenzwinkern und einer schönen Portion Durchgeknalltheit. Diese Faktoren relativieren die schnöden Werbetopoi und entzerren im Kopf festgebackene Rollenbilder.

Als Beispiel nehme ich mal ein saftiges Stück, welches indirekt mit uns Piraten zu tun hat. Es kommt von der Firma des beherzten BPT-Cheforganisators scamp: viprinet.


Dieser recht dürre Hering, umgeben von hübschen Damen, hat mich bei der Lektüre eines Heiseblattes das erste Mal angestrahlt. Mein erster Gedanke dazu war: "Straightforward, German." Geradeaus ist es sicherlich. Allerdings ist diese Redundanz in meinen Augen nicht unbedingt "sicher". Wenn ich mal meine Phantasie laufen lasse, dann könnten die Damen den Mann ausrauben, ihm lauter Kinder andrehen die er alimentieren muss, seine Daten ausspähen und ihn cybermobben,.... ad nauseam. Wäre ich ein Mann, würde ich einem Rudel Frauen in Reizwäsche nicht vertrauen, auch wenn mein Unterleib sicherlich hocherfreut wäre. Die wollen entweder mein Geld oder was anderes, um es zu Geld zu machen. Aber nun genug der Tortenphantasie. Als Engländerin finde ich gerade deutsche Werbung mit Sexkomponente meist langweilig. Es fehlt einfach der ironische, manchmal auch absurde und daher entzerrende Pepp.

Aber schauen wir mal genauer hin. Hier findet Streamlining statt. Der Mann wird auf Heterosexualität und der Gier auf viele Begattungspartnerinnen reduziert. Die Frauen auf die Gier nach einem Mann, egal ob Andere da mitgieren. Ziemlich dröge. Sowas sieht man zuhauf. Ausserdem wird durch die ständige Wiederholung dieser Bilder dieses Konstrukt zementiert. Von Vielfältigkeit, wie wir Piraten es doch so gerne predigen, keine Spur. (Ausser der vielfältigen Auswahl an heterosexuellem Sex für den Mann vielleicht, obwohl die Damen ausser der Haarfarbe und "Kleidung" nicht sehr unterschiedlich erscheinen.)

Gerade nach dem Bundesparteitag in Bingen gingen tolle Beiträge durchs Netz (beispielsweise hier und hier), die piratiges Vernetzungsdenken und eine Abkehr von einförmigen sozialen Körpern thematisieren. Diese Werbebotschaft ist einförmig und auch ironischerweise körperlich: Es zeigt androzentrische Heterosexualität, eine Beschränkung auf die weisse Hautfarbe und auch figürlich angepasst: Schlank bis dürr. Nein, ich will hier keinen zweiten Pixibuchfail aufmachen, sondern einfach mal zeigen, wie solche scheinbar lapidaren Werbebotschaften immernoch alte Ideale des einfömigen, sozialen Körpers hochhalten. Sie erhalten ja immer noch Aufmerksamkeit. Ich würde gerne wissen, ob ein ähnliches Werbemotiv mit einem vernetzten Knäul verschiedener Hautfarben, Figuren, sexueller Orientierungen als sexy Sicherheitsnetz der Redundanz gewirkt hätte als großes Bild auf der Cebit. Ich denke ja. Denn der Sex allein reizt das Auge. Und frische, neuartige sexuelle Bilder reizen noch viel mehr und regen Diskussionen an.

Nach der Sexgeschichte, ist auch Macht ein Thema in der Werbung. Dieses Werbemotiv beinhaltet auch Macht auf zwei Ebenen. Wer Sicherheit hat, hat die Macht. Er kann sich gegen Angriffe wehren. Auch scheint der Mann eine gewisse Machtposition auszuüben, da die Frauen alle "seine" Redundanz zu sein scheinen. Allein die beiden Damen am rechten Rand scheinen sich noch nicht über die Macht des dürren Herings sicher zu sein. Dieser kleine Bruch ist ein Lichtblick.

Um zu den Piraten zurückzukommen, diese versuchen ihre Macht zu vernetzten: Basisdemokratisch ihre Strukturen zu steuern und ohne Personenkult mit Ehrlichkeit und Inhalten Wahlen zu gewinnen. Wenn ich eine Wahlwerbung analog zu dieser Kampagne für die Piraten mir ausdenken würde, dann wären auf dem Bett, aber bitte in Orange, lauter sexy Piraten verschlungen dargestellt, mitsamt einiger Gadgets, Kabel und menschlicher Vielfalt. Die Überschrift würde lauten: Vielfalt schafft Sicherheit. Vor allem wenn die Vielfalt ein Web of Trust ist mit vielen Proxys (Kondome) und so Verantwortung schafft.

Denn das würde auch die Schönheit unserer Partei sehr plastisch und werbegerecht wiedergeben. Schönheit ist nicht nur ein dünnes Knochengerüst in Strapsen oder eine rasierte Heldenbrust, gestählt durch viele Stunden im Fitnesstudio. Schönheit kommt von Menschen die mit sich selbst zufrieden sind und dadurch auch mit Anderen glücklich verbunden sind und was ändern wollen. Das sollte vermehrt abgebildet werden. Auch in vergänglichen, aber oft wiederholten Werbemotiven.

Viele Probleme mit Spaltungen und Unterteilungen in der Gesellschaft werden durch Bilderwelten unterstützt. Dies geschieht nicht immer bewusst, denn meist sucht man Bilder die sich verkaufen. Der Trugschluß, dass das Deppertste, das primitivste auch das Beste sei, der muß revidiert werden. Auch ein guter Schuss Humor und Ironie helfen hier schon ungemein. Daher gilt es in piratiger Medienarbeit auch stets an diese Prinzipien der Vielfalt, der Hinterfragung und des Lachens über etablierte Strukturen zu denken. Das hilft viel mehr als reines Gendering.

Zu guter Letzt möchte ich dem guten scamp mitteilen, dass ich nach dieser Kritik natürlich gerne auch kreativen Input anbiete. Wenn du auf der nächsten Cebit einen draufsetzen willst, dann stehe ich und sicherlich auch andere Piraten, dir zur Ausarbeitung eines tollen Konzepts sehr gerne zur Verfügung. :)


Kommentare:

  1. Für die, die nicht so genau wissen, was Viprinet eigentlich tut und daher die Anzeige nicht verstehen: Wir vertreiben Router, mit denen man bis zu 6 verschiedene Breitbandzugänge bündeln kann, um das Ausfallrisiko zu verteilen und in der Summe eine hochausfallsichere Internet-Anbindung herzustellen. Das wurde so auch auf dem BPT genutzt mit 4x ADSL und 2x UMTS. Die 6 WAN-Zugänge werden somit von den Frauen symbolisiert, der Mann ist das LAN.

    Elle: Du hast den Gedanken übrigens völlig richtig weitergesponnen. Dem männlichen Model war beim Shooting (das von der Planung bis zur Ausführung ausschließlich von Frauen umgesetzt wurde, mal am Rande erwähnt) nicht wirklich wohl in seiner Haut.

    Ich hoffe die beabsichtigte völlige Überzeichnung des SECHSismusthemas ist erkennbar ;)

    Grüße,

    scamp

    AntwortenLöschen
  2. @scamp
    es ist erkennbar, aber wenn ihr das richtig gemacht hättet, dann hätte der gute junge wenigstens ein paar bunnyohren aufbekommen. DAS wäre noch genialer gewesen. wir engländer sind neben der titanic halt die kings und queens of überzeichnung.

    AntwortenLöschen
  3. Schöner Beitrag... Wenn es nicht gerade Hornbach (http://www.arschtrompete.de/medien/women-at-work-hornbach/) ist, kommt Werbung hier schon ziemlich platt daher. Aber das liegt leider selten an den Werbeschaffenden, sondern an deren Kunden. Ich weiß, das ist jetzt sehr pauschalisierend, aber: Unternehmen, die nicht von Unternehmern, sondern von Buchhaltern (=Managern) geführt werden, gehen in der Werbung kein Risiko ein. Und das bedeutet auch, auf althergebrachte Geschlechterrollen zurückzugreifen. Man muss sich aber auch klarmachen, dass die Werbung ein Spiegel von der Gesellschaft ist, und ein Stück weit kann man an der Werbung schon sehen, wie emanzipiert eine Gesellschaft wirklich ist.

    AntwortenLöschen
  4. Da ich Radio und Fernsehen schon seit Jahren komplett meide, bin ich immer wieder schokoliert, wenn ich versehentlich (oder auf der Straße) doch entsprechende Werbung mitbekomme: Man fühlt sich durch den Stumpfsinn nicht nur gelangweilt sondern geradezu beleidigt.
    Da bin ich schon froh, wenn ein Unternehmen mal eine andere Strategie fährt (z.B. virales Marketing), anstatt platte Sprüche auf Werbetafeln.
    Ich hoffe sehr, dass wir Piraten 'anders' sind, auch und gerade in Bezug auf die Werbung.

    PS: Bei der erwähnten analogen Piraten-Werbung darf natürlich eine LART nicht fehlen :D

    AntwortenLöschen