Samstag, 2. Januar 2010

Allergien

Jeder kennt den Fall, dass ein Freund oder ein Verwandter Allergien gegen Pollen, gewisse Lebensmittel oder auch Tierhaare hat. Andererseits reagieren viele Menschen etwa auf Volksmusik oder Hip Hop "allergisch". Diese Reaktionen reichen vom Ausdruck des Mißfallens, bishin zur entfernung der Eigenen Person aus dem Sendungsradius des Memetischen Einflusses oder gar aggressiven Ausfällen. Was hat es denn hiermit auf sich?

Man könnte diesen Sachverhalt zwar ganz einfach damit abtun, dass diese Leute sich einfach "blöd und intolerant anstellen", aber das ist eine sehr unbefriedigende Erklärung für dieses Phänomen. Erstens ist sie nicht sehr respektvoll, zweitens erklärt man hiermit lediglich oberflächliche Symptome eines Vorganges, der sicherlich viel tiefer in den Menschen und seine Psyche hineinreichen.

Nehmen wir mal eine Allergie, die durch ein Zuviel eines gewissen Stoffes bei einem Menschen ausgelöst wird. Mein Vater zum Beispiel, ist gegen Penicilin allergisch, da er als Kind mit dem Zeug vollgepumpt wurde. Genauso bin ich gegen Folk-Musik wohl memetisch allergisch, da mein Vater mich mit dieser Musik als Kind überflutet hat. Bis meine Ohren in meiner frühen Jugend Kraftwerk vernommen haben, bin ich ehrlich davon ausgegangen, dass Musik nicht so eine tolle Sache sei.

Nun möchte ich aber etwas tiefer hineinsteigen mit meinen Fragen bezüglich der memetischen Allergien. Ich denke diese Fragen betreffen die Memetik, sowohl auch die Psychologie. Es werden hier Reflexe ausgelöst, die meistens auf vorherige Erlebnisse des Individuums zurückzuverfolgen sind. Der Memplex wehrt sich vehement gegen ein bestimmtes Mem, da er dieses nicht nur als inkompatibel oder gar uninteressant (Immunität), sondern als gar bedrohlich empfindet. Es rollen sich förmlich die Zehennägel auf, man fühlt sich unwohl und die gute Laune geht dahin. Ein Allergiker fühlt sich sicher nicht anders, wenn er etwa von Pollen oder Tierhaaren umgeben ist.

Was ich sehr interessant finde, ist eine kürzlich erlebte allergische Reakton auf Musik, die mein musikalisch sonstsehr sympathischer Freund, mir vorgespielt hat. Es war poppig, flockig aber irgendwie anbiedernd und es fühlte sich "unecht" und "gewollt" an. Die Sängerin versuchte auf Biegen und brechen, die lockere Stimmlage von Inga Humpe zu emulieren und griff für meine Ohren nicht nur ins Klo, sondern gleich in die Kanalisation. Vom Text möchte ich hier gar nicht erst reden. Warum rollten sich meine Zehennägel so drastisch auf? Ich hätte auch einfach lachen können, über diese musikalische Inkompetenz. Ich denke das rührt daher, dass ich zwar nicht der totale Musiknerd bin, aber dennoch einige Kenntnisse zur Geschichte und Entwicklung der Popmusik habe. Schon allein als Kind inmitten einer riesigen Plattenansammlung (Vater ist nicht nur Folkfreak, sondern auch DJ beim Radio gewesen - die Hörproben stapelten sich im heimischen Wohnzimmer) hat dazu beigetragen. Dazu gehöre ich zu den Menschen, die in ihrer Teeniezeit sehr viel und gerne vor dem Radio gelauscht haben und dadurch viel an jeweils aktueller und älterer Musik mitbekommen haben. Eine schlechte Kopie, gepaart mit bemühten Texten, die das Original beileibe nicht vorzuweisen hat, erzeugen da wohl Gefühle der Ablehnung. Als Freund der Pflege und Hege guter Musik, fühlte ich mich einfach in dem Moment musikalisch wohl ganz einfach beleidigt.

Auf der primitiven Ebene hat mich der Klang der Musik und der Stimme deswegen wohl abgestossen, da diese durch ihre Bemühtheit und dem Gebrauch von zu vielen Manierismen an Memplexe erinnert haben, die mich abstossen. Die Frau wirkte gekünstelt, da ich solche Damen meistens mit größter Skepsis betrachte - mich selbst auch wenn ich mich dabei ertappe - stieß auch dieser Teil meines Memplexes diese Musik kategorisch ab. Auch auf der genetischen Ebene kann hier eine Erklärung herbeigeführt werden. Frauen die ich nicht mag, sind genetische "Konkurrenz" oder "Eindringlinge" die aus meinem Wirkungskreis so schnell wie möglich weg müssen. Vor allem von den Ohren meines Bettgefährten. Die Torte kann auch ganz schön primitiv und neandertalerig sein, sehe ich hier. :o)

Seltsamerweise gibt es dann ganz anders geartete Trashprodukte der Musik, die in mir mehr ein Gefühl von Amüsement und diebischer Freude auslösen. Wer meinen Artikel zu buntem Kitschtechno im Sommer gelesen hat, weiss bescheid. Ein schnelles Reflektieren, und schon komme ich zum Schluss, dass diese Klänge mich an positive Aspekte meiner Jugend erinnern und somit auch selbige Gefühle in mir auslösen.

Kitschige, hochgepitschte (Frauen-)Stimmen gehen mir daher weniger auf den Zeiger, da ich irgendwie mich mit ihnen vielleicht identifiziere? Das innere Tortlett vielleicht so klingt? Weiss der Geier.

Auf jeden Fall fand ich diese bemüht (?) objektive Tour durch die memetischen Allergine sehr amüsant. Ich hoffe inpsiriert zu haben. Denn mit diesen Ideen im Kopf können wir eventuell netter und freundlicher mit Anderen umgehen, die etwas ungemach auf gewissen Einflüsse reagieren, umgehen. Man kann so besser dahintersteigen, was da wirklich los ist und nicht einfach das Verhalten als "sich anstellen" abtun.

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