Samstag, 17. Oktober 2009

Die Welt in 100 Jahren - ein Gedankenexperiment

Ich komme nicht umhin mich in spekulativen Gedanken bezüglich der Zukunft zu wälzen. Gerade in einer solch eine Zeitenwende die wir durchleben, wird man automatisch sehr neugierig auf zukünftige Begebenheiten die durch das Jetzt bereits vorgeformt werden.

Die digitale Bewegung wächst von einem unsichtbaren Pulk von Netzbewohnern, zu den Verfechtern einer neuen Aufklärung heran. Das Leben im Netz öffnet die Augen für die Welt. Man lernt im Netz die Dinge etwas anders zu betrachten, als man es noch früher in der Offlinezeit seines Lebens getan hat. Verhaltensweisen und auch Gepflogenheiten ändern sich und Phänomene wie der Digital Gap (Generationenkonflikt ist hier nicht ganz passend) kommen auf.


Aber wie wird sich das Verhältnis in Zukunft ändern? Haben wir eine große Vernetzung der Gesamtbevölkerung vor uns, oder wird die Mentalität jedes Einzelnen darüber entscheiden wie vernetzt man sein möchte. Das ist ja eigentlich heute schon so. Ich habe Freunde, jünger als meine Wenigkeit, die das Internet nur für wenige Dinge wie Email oder Ebay verwenden und sonst ihren Lebensmittelpunkt ausserhalb der digitalen Sphären leben. Könnte es in Zukunft so sein, dass wir Netzbürger uns in eine eigene Kaste entwickelnt? Vernetzte Cyborgs die entweder die Hoheit über alle Kommunikationssysteme haben um diese vor Eingriffen diverser Staatsgewalten zu bewahren, oder am Rande einer totalitär vernetzten Gesellschaft leben und sich tagtäglich gegen Übergriffe seitens der Überwacher wehren müssen?

Szenarien die man aus William Gibson Romanen kennt, kommen einem in den Sinn. Andererseits könnte man sich durch den Aufstieg der egalitären Netzwelt auch eine Star Trek Economy mit bedingungslosem Grundeinkommen vorstellen.Was auch immer kommen mag, die Spekulation an sich macht mir gewaltig Freude.

Meine erste Vorstellung ist die einer Kaste von vernetzten Menschen, eigentlich Cyborgs mit Gehirninterfaces, die eben nach den Wirren eines weltweiten Bürgerkrieges gegen totalitäre Regime die Hoheit über jegliche Telekommunikation zugesprochen bekommen hat. Diese Kommunikationskaste ist abgeschottet von der Welt, lebt wie eine Art digitaler Klerus in eigenen Bereichen. Die Personen in dieser Kaste tragen keine bürgerlichen Namen, sondern führen unter sich selbst gewählte Namen die für Aussenstehnede durchaus sehr seltsam anmuten könnten. Für die Gesellschaft ausserhalb ihrer Welt haben sie keine Namen. Dies dient ihrem Schutz und auch der Abgrenzung. Da die Sturkturen trotz gesellschaftlicher Abgrenzung offen sind, kann man als Aussenstehender nach Prüfung seiner Absichten, ähnlich eines Eintritts ins Kloster, Teil dieser Kaste werden. Der Nachwuchs dieser Priester der Telekommunikation wird über die natürliche Fortpflanzung, oder eben auch durch Eintritte Aussenstehender gesichert. Mitglieder dieser Gruppe bewegen sich mit Gesichtsschutz in der Aussenwelt, ihre Augen sind von Netzlinsen verdeckt die dem Individuum zur regulären Sicht zusätzlich Informationen zur Umgebung und der internen Kommunikation innerhalb des Kollektivs verschaffen. 

Die Aussernwelt ist gerechter und transparenter gestaltet, als die unsrige. Die Welt ist zusammengerückt, Staaten wie wir sich heute kennen, sind irrelevant. Man spricht lediglich von geographischen Regionen und deren eventuellen sprachlichen Eigenheiten. Der Lebensstandard ist nach dem globalen Bürgerkrieg erst einmal niedrig, jedoch wird nach und nach der Standard durch wirtschaftliche Fortschritte erhöht. Es gibt ein bedingungsloses Grundeinkommen, welches durch eine Verankerung in den Menschenrechten gesichert ist. Die Gesellschaft hat nach den Fehlern der von oben initierten, ungerechten Globalisierung erkannt, dass die unweigerlich eintretende Globalisierung nur durch die Bevölkerungen selbst gelingen kann. Eine der wichtigsten Aufgaben dieser Gesellschaft ist die Religion und Spiritualität nachhaltig als Privatsache zu definieren und von organisierten, geistlichen Bewegungen der Vergangnheit abzusehen. Es findet ein reger Austausch zwischen verschiedenen Menschen auf allen Kontinenten statt, die ihre Lebensauffassungen gemeinsam diskutieren und sich gegenseitig Anreize zur Horizonterweiterungen vermitteln.

Der größte Unterschied zur heutigen Gesellschaft ist die Anpassung der Lebensverhältnisse. Arm und Reich gibt es nicht mehr, jeder Mensch hat die Chance sich nach seiner Facon zu entwickeln und ein Leben lang zu lernen.


Die negative Vorstellung die ich habe, ist in ihren Grundzügen von George Orwell sehr schön bereits beschrieben worden. Es mutet schon prophetisch an, wenn man sich heutzutage 1984 zu Gemüte führt. Es wird wohl nicht eine zentrale, fiktive (?) Figur geben die den Überwachungsstaat personifiziert, jedoch wird der Begriff Sicherheit diese Funktion erfüllen. Das Wort ist von der Bedeutung her, heute bereits im politischen Sinne mit Überwachung, Schutz der Obrigkeit, Prävention und auch Represson der Gesamtbevölkerung zum Schutz vor angeblichem Terror besetzt worden. Dies wird in Zukunft quasi religiös gepredigt werden. Die Zugehörigkeit zu einer Partei wird, ungleich der Orwell'schen Vision, nicht wichtig sein. Es wird Wert auf ein Verhalten gelegt, dass einer vorbestimmten Norm angepasst ist. Die ganzheitliche Überwachung, online wie offline (ich sage hier nur Indect) regelt ohne großen Personaleinsatz von seiten der Sicherhietsbehörden die Bevölkerung in ihrem Verhalten. Arbeit, Freizeit und politisches Leben sind von KI-gesteuerten Geräten durchweg überwacht, Abweichungen von der Norm werden schnell sanktioniert.

Der Untergrund, in den abgelegen Regionen der Welt, lebt in ärmlichen aber technisierten Verhältnissen.

Das wichtigste für diese Menschen, ist das Ideal einer frei kommunizierenden Welt. Man lebt zwischen den täglichen Bemühung gegen Hunger, Kälte und Angriffen der Überwachungsgesellschaft zu überleben, und Bestrebungen das weitgehend selbständig operierende Überwachungssystem zu sabotieren.


In beiden Szenarien habe ich eine Trennung in der Weltbevölkerung eingebaut. Diese ist bewusst gewählt. Der Mensch ist ein Wesen, dass Unterschiede braucht. Es gibt kein Licht ohne Dunkel. Nun liegt es allerdings an der Gesellschaft diese Unterschiede, egal welche sie sein mögen, konstruktiv für sich einzusetzen anstatt diese destruktiv werden zu lassen.





 

Kommentare:

  1. ist der beitrag satire, oder meinst du den ernst?

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  2. Eine Sache gibt es, von der ich glaube, das sie mit der Vernetzung der Menschen einhergehen wird. Wir werden mehr und mehr die Eigenheiten der anderen Menschen akzeptieren. Etwa das der andere laut singt, wenn er durch die Gegend läuft,oder welch Macke der andere auch hat. Dinge die heute sofort eine Mauer zwischen Personen aufbauen werden unwichtig.

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  3. Ich muss immer wieder sagen, dass du echt mir die Gedanken klaust ;)
    Guter Post :3

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  4. hi:
    netter text. leider sind mir solche utopien, wie übrigens die meisten im netz, immer zu "kommunistisch"
    Ich glaube kaum, dass es jemals in der menschheitsgeschichte "kein arm oder reich" mehr geben wird. dafür ist sowohl das bedürfnis nach besitz, wie auch der wunsch nach individualität zu gross. und ja persönliches vermögen hat auch etwas mit individualitätsausdruck zu tun. ich will das jetzt nicht calvinistisch überhöhen aber dennoch: alle solche "gebe jedem das nötige und alle sind glücklich und entfalten sich frei" - experimente sind immer und werden immer fehlschlagen.

    die frage nach der zukunft ist immer spannend, und eigentlich sollte es viel mehr solcher texte geben. mit welchem interesse lesen wir heute jules verne oder auch die kleinen prosa stücke der 20ger wie man sich das 21jhd vorstellte.

    soweit...soweit...grüsse nach neuss

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