Mittwoch, 23. September 2009

Das "yeah!" Virus

Seit etwa einer Woche grassiert ein memetischer Konkurrent zu H1N1 in Deutschland. Eine Flashmob-Pandemie sucht unsere Kanzlerin Merkel heim. Bei ihren Auftritten wird die gute Frau von satirischen Jubelpersern, meist auch mit piratiger Unterstützung, begleitet. Auf jeden einzelnen ihrer Sätze folgt ein lautes Rufen. Nebst meiner kurzen Erklärung auf englisch, gibt es hier eine wunderbare Erläuterung von Judith Andresen. Sehr lesenswert.

Innerhalb der Piratenpartei, und natürlich auch in der Öffentlichkeit entsteht eine Debatte zur Fairness bezüglich dieser Flashmob-Aktionen. Man könnte damit argumentieren, dass man sich höflich, lieb und nett geben soll, um eine weisse Weste zu bewahren. Jedoch wird dies angesichts des Benehmens unserer Regierung recht schwierig. Wenn man als junger, netzaffiner Bürger von einer Familienministerin als "schwer pädokriminell" bezeichnet wird, nur weil man sich mit Computern und dem Internet auskennt, tut das weh. Wenn eine Petition mit über 130 000 Unterzeichnern übergangen wird, dann fühlt man sich verarscht. Wenn eine Regierung die Stimme des Volkes nicht hören mag, sondern stur weiter ihre Programmparolen in die Welt entlässt, dann ist es nicht einfach zu lächeln und freundlich zu versuchen in die Parlamente zu gelangen. Da platzt einem manachmal der Kragen und man wird von scherzhaften Memen angesteckt, die zu Flashmobs mit lauten "YEAH!" Rufen führen können. Man verbindet als typischer Netzmensch den Humor mit der Wut im Bauch und reagiert sich so in der Öffentlichkeit ab. Meiner bescheidenen Meinung nach, sind wir im 21. Jahrundert um einiges zivilisierter als die APO vor etwa 40 Jahren. Unsere "Bomben" sind Informationen, Aktionen und Aufklärungskampagnen und eine Partei die direkt aus dem Netz den Bundestag entert. Dafür bedarf es keine Bundeswehr im Inneren zur Bekämpfung, sondern einen ernsthaften Dialog der Generationen auf höchster Ebene um Differenzen aus dem Wege zu räumen. Hier agiert ein Schwarmverstand gegen die offensichtlich fehlgeleitete Politik unserer Regierung. Keiner wird verletzt, entführt oder in die Luft gesprengt. Das wäre so anachronistisch wie die Internetausdrucker im heutigen Bundestag.

Diese Flashmobs sind ein Ausdruck des viel beschworenen Generationenkonflikts, der mit Worten und Aktionenen von unserer Seite ausgefochten wird, daher ist es auch möglich mit Worten und Taten produktiv und sinnvoll hier zu interagieren.

Der Flashmob in Wuppertal war sehr heftig. Manchmal ging mir schon der Gedanke durch den Kopf, dass wir es eventuell wirklich übertreiben. Andererseits sass mir das wütende Teufelchen auf der Schulter, welches mich weiter antrieb zu schreien und zu brüllen. Mit den anderen. Das Engelchen hatte wirklich nicht viel zu sagen. Sehr nett war, dass Frau Merkel uns als "Freunde vom Internet" bezeichnete und unsere Rufe kommentierte. Etwas später rief die Kanzlerin die Jugendlichen dazu auf doch zuzuhören, denn man könne etwas lernen. Doch das wirkte im Gegensatz zum ersten Kommentar in unsere Richtung sehr überheblich und oberlehrerhaft. Es bleibt zu bezweifeln, dass es ihr bewusst sein könnte, dass hier sehr aufgeklärte Menschen verschiedenen Alters hier humorvollen, jedoch heftigen Protest betreiben. Man könne hier gar Artikel 20 des Grundgesetzes heranführen. Wie war das nochmal mit dem Recht auf Widerstand? Lieber ein Stimmhafter Widerstand als Bomben und Gewehre. Darauf haben wir alle keinen Bock und auch keine Ambitionen in diese Richtung. Sowas ist rückständig und uncool. Sehen diese Politiker nicht, dass hier eine Generation vor ihnen steht die tatsächlich sehr gebildet, vernetzt und sozial ist? Ja, wir sind Menschen die starken Zusammenhalt schätzen und uns gegenseitig den Rücken stärken. Wird ein solches solidarisches Verhalten nicht ständig "von oben" verlangt?

Bitte, schaut mal genauer hin, bevor ihr uns mal wieder als Spinner, dumme Jugendliche und Aufrüher, oder gar Gefährder abtut. Wir sind eure Zukunft.

Kommentare:

  1. Nein, sie sehen es tatsächlich nicht. Nach ihren Ansichten sind wir kriminell und asozial.

    Deswegen Widerstand auf allen Ebenen. Parteilich, ausser-parteilich, im Netz, ausserhalb des Netzes, aber wie du schon sagst.. ohne anachronistische Gewalt.

    Denn in Wahrheit organisieren 'wir' heute schon ihre Welt und wenn sie eben gegen uns spielen wollen, spielen wir auch gegen sie.

    AntwortenLöschen
  2. Weise Worte, allerdings sehe ich hier nicht einen Generationskonflikt sondern eher einen Konflikt zwischen zwei Bevölkerungsgruppen auch unter den Stichwort Digital Divide besser bekannt.
    Der Riss zieht sich durch alle Schichten und alle Altersklassen. Bei den Jüngeren mehr als bei den Älteren. Meiner Meinung nach ist es genau das, was aus der Piratenpartei eine Bürgerbewegung macht, und nicht nur irgendeine Randerscheinung aus den Internet.

    AntwortenLöschen
  3. Das passiert nunmal, wenn man Menschen nicht ernst nehmen will, und sie als Nerds oder Schlimmeres abstempelt. Mir fiel dazu nur folgendes ein: http://argeleb.wordpress.com/2009/07/18/wir-entern-nun-eure-offline-welt/
    Mehr als Jubelperser hat eben eine Frau Merkel nicht mehr verdient.

    AntwortenLöschen
  4. @zappi: Digital Divide ist hier ein sehr passender Ausdruck. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass wir freiwillig oder eher unfreiwillig zu einer Art Kaste werden, die von der nicht-digitalen Bevölkerung argwöhnisch bis fast befremdend betrachtet wird. Dabei leben wir "Digitalen" genauso wie jeder andere. Nur eben vernetzter und mit einem etwas erweiterten Weltbild. (Bilde ich mir zumindest ein.)

    AntwortenLöschen